Cosima sucht ihren Schutzengel

Nach dem Mittagessen fragt Cosimas Mutter ihre Tochter: "Willst Du heute gar nicht hinaus gehen? Sieh nur, die Sonne hat es sich doch noch überlegt. Sie scheint so schön". Cosima sinniert. "Ach ja, ich werde in den Garten gehen". Fröhlich hüpft sie los. Sie spielt im Sandkasten und schaukelt eine Weile. Plötzlich fliegt etwas an ihrer Nase vorbei. Ein wunderschöner Schmetterling. "Ist der schön", ruft Cosima. "Ich versuche ihn zu fangen". Schnell schlüpft sie aus ihren Sandalen, denn barfuß kann sie schneller laufen. Außerdem ist das Gras trocken, da macht es Spaß, ohne Schuhe und Strümpfe zu gehen.

Es ist gar nicht so leicht, den Schmetterling zu verfolgen. Ständig fliegt er woanders hin. Nach einer Weile ist er verschwunden. "Auf Wiedersehen, Schmetterling", winkt die Kleine ihm nach. Sie überlegt, was sie nun spielen kann. Ihre Freundin Lotta aus dem Nachbarhaus ist nirgends zu sehen. 'Ich werde Gänseblümchen pflücken', beschließt sie. 'Daraus kann ich mir einen Haarkranz winden'. Auf dem Rasen, auf dem sie spielt, wachsen viele dieser weißköpfigen kleinen Blüten. Voller Eifer pflückt Cosima sich ein Sträußchen. Um sie herum kreucht, fleucht und summt es. Die Gefahr erkennt sie aber nicht und läßt sich nicht stören.

Eine Menge Gänseblümchen hat sie schon in ihrer Hand, als plötzlich ihre Mutter angelaufen kommt. "Paß auf, Cosima", ruft sie ihr zu. Von der Terrasse aus hatte sie beobachtet, daß mehrere Wespen um ihr Töchterchen herumfliegen. "Siehst Du nicht, daß hier Wespen fliegen?". Cosima schaut sich um und weiß gar nicht, warum ihre Mama so ängstlich ist. "Du hättest mit Deinen nackten Füßen in eine Wespe hineintreten können", erklärt nun ihre Mutter. "Aber Du hattest Glück, denn Dein Schutzengel hat gut auf Dich aufgepaßt". Sie beschließt, daß Cosima jetzt besser wieder Strümpfe und Schuhe anzieht.

Später, als es Dunkel geworden ist, spielt Cosima noch ein wenig im Kinderzimmer. Ihre Mutter kommt herein, um Wäsche in den Schrank zu räumen. "Mama, was ist ein Schutzengel?" fragt die Kleine. "Jeder Mensch hat einen", antwortet die Mutter. "Er ist ständig um Dich herum, um auf Dich aufzupassen, damit Dir nichts passiert. Wie ein Engel aussieht, weißt Du doch. Du hast in Deinen Bilderbüchern schon welche gesehen". Cosima staunt und schaut sich im Zimmer um. "Ich sehe ihn aber gar nicht". "Das kannst Du auch nicht. Dein Schutzengel zeigt sich nicht. Trotzdem ist er immer für Dich da". Die Kleine kann kaum glauben, was sie gehört hat. Sie setzt sich auf ihr kleines Stühlchen, nimmt ihren Lieblingsbären in den Arm und überlegt ganz angestrengt. "Hast Du gehört, Bärli? Ich habe einen Schutzengel. Ganz für mich allein". Bärli hat das natürlich auch gehört und nickt mit dem Kopf.

Einige Tage später ist wieder herrliches Wetter. Cosima möchte draußen spielen. "Mama, darf ich Roller fahren?" "Ja, er steht noch hinter dem Haus. Aber sei schön vorsichtig, hörst Du?" gibt die Mutter ihr mit auf den Weg. In der Straße, in der Cosima mit ihren Eltern wohnt, fahren nur wenige Autos. Es macht viel Spaß, hier mit dem Roller zu fahren. Als sie eine Weile gerollert ist, nähert sie sich dem Kastanienbaum. Sie schaut sich um, ob vielleicht einige Kastanien vom Baum gefallen sind, die sie aufsammeln kann. Wie es passiert, weiß sie später nicht mehr genau. Sie kommt ins Rutschen, und der Roller fällt auf ihren Fuß. Vor Schreck setzt sie sich unter den Baum und fängt an zu weinen. "Aua, das tut so weh". Sie zieht den Kniestrumpf ein wenig herunter und entdeckt einen blauen Fleck. Jetzt aber nichts wie nach Hause.
Cosima schiebt ihren Roller, denn die Stelle am Bein tut weh. Als sie vor ihrem Haus ankommt, ist gerade der Papa von der Arbeit nachhause gekommen. "Was hat denn meine Kleine? Hast Du dich verletzt?" fragt er, als er sie humpeln und den Roller schieben sieht. "Der Roller ist mir auf den Fuß gefallen. Nun tut es gaaaanz doll weh", fängt sie erneut an zu weinen. Der Vater schaut sich vorsichtig ihr Bein an. "Das wird Gott sei Dank nur ein blauer Fleck. Da hast Du noch mal Glück gehabt, denn Dein Schutzengel hat auf Dich aufgepaßt". Cosima vergißt vor Staunen ihren Schmerz und hört prompt auf zu weinen. 'Schon wieder der Schutzengel', denkt sie. Er muß doch irgendwo sein. "Suchst Du etwas?" fragt ihr Vater. "Och nöö". Papa schiebt nun den Roller, und beide gehen ins Haus.

Mama klebt ein buntes Pflaster auf die kleine Verletzung, das Cosima voller Stolz trägt. Sie läßt extra den Kniestrumpf runtergerutscht, damit jeder das Pflaster sehen kann. Als sie abends im Bett liegt, denkt sie über das, was ihre Eltern gesagt haben, nach. 'Wo mag mein Schutzengel nur sein? Ich möchte ihn so gerne einmal sehen'. Über diesem Wunschgedanken schläft sie ein und träumt von Engeln mit Schmetterlingsflügeln.

Am nächsten Tag spielt sie mit ihrer Freundin Lotta in der Sandkiste. "Du, Lotta, sag mal. Hast Du Deinen Schutzengel schon mal gesehen? Weißt Du, wie er aussieht?" Lotta schaut Cosima skeptisch an. 'Was meint sie nur?' "Du hast auch einen Schutzengel. Genau wie ich", erzählt Cosima weiter. "Ich würde ihn soo gerne mal sehen". Lotta weiß aber auch nicht mehr über Schutzengel, als ihre Freundin. So geben sie das Thema bald wieder auf. Viel mehr Spaß macht es, zu toben, zu lachen und zu singen.

"Pscht, es ist jetzt Mittagsruhe. Könnt Ihr Euch nicht daran halten?" ruft plötzlich eine Stimme. Ach, Du liebe Güte. Die Nachbarin schimpft über den Zaun. "Wir müssen leise sein", sagt Cosima zu Lotta. Die nickt, denn beide kennen diese Nachbarin. "Meine Mama hat gesagt, sie steckt überall ihre Nase hinein", flüstert Cosima ihrer Freundin zu, und beide prusten los. 'Vielleicht kann sie mir sagen, wo mein Schutzengel ist. Oder wie er aussieht', überlegt Cosima. 'Wenn sie doch alles weiß'. Diesen Gedanken verdrängt sie aber wieder ganz schnell.

Der übernächste Tag ist ein Samstag. "Mama, weißt Du noch, daß Du versprochen hast, mit mir schwimmen zu gehen?" fragt Cosima nach dem Frühstück ihre Mutter. "Ja, das habe ich nicht vergessen. Wir fahren nachmittags ins Schwimmbad", verspricht diese. "Au fein", ruft Töchterchen zurück und geht spielen.
Auf dem Weg in den Garten hört sie eine Fahrradklingel. Sie bleibt stehen, weil der Briefträger kommt. "Bekommen wir Post?" fragt sie ihn. Er gibt ihr einen Brief für die Mama. "Du kommst doch weit herum, nicht wahr?" fragt sie den netten Postboten. "Weißt Du vielleicht, wo Schutzengel wohnen, oder wie sie aussehen?" Er überlegt eine Weile mit ernstem Gesicht und antwortet. "Nein, ich habe noch keinen getroffen. Aber auch ich habe einen, denn mich hat noch nie ein Hund ins Bein gebissen". Erstaunt sieht Cosima den uniformierten Herrn an. 'Also gibt es doch Schutzengel', denkt sie. Sie nimmt den Brief, ruft Tschüß und läuft zurück ins Haus.

Nachdem sie ihrer Mutter den Brief ausgehändigt hat, geht sie in den Garten. Sie setzt sich auf den Rand des Sandkastens und denkt an ihren Schutzengel. 'Ach, könnte ich ihn doch nur einmal sehen'. Dann fällt ihr ein, daß auch ihre Oma erzählt hat, ihr Schutzengel sei immer bei ihr, würde sich aber nie zeigen. Träumend beobachtet sie nun eine Amsel. Mit seinem Schnabel pickt der Vogel immer wieder ins Gras, bis er plötzlich einen Regenwurm gefunden hat. Er zieht und zieht. Der Wurm steckt tief in der Erde. 'Ob sich der Schutzengel vielleicht in der Erde versteckt?' überlegt Cosima. 'Aber dann könnte er nicht hier auf mich aufpassen', gibt sie sich selbst die Antwort. 'Nee, da unten kann er nicht wohnen'.
Nach dem Mittagessen packen Cosima und ihre Mutter die Badesachen. Der Papa hat etwas anderes zu tun und kann nicht mitkommen zum Schwimmen. Sie verabschieden sich und fahren zum Schwimmbad. Ach, ist das schön hier. Es gibt sogar eine Wasserrutsche. "Sei aber bitte vorsichtig", warnt die Mutter, als Cosima an der Rutschentreppe nach oben läuft. Als sie rutscht, kommt plötzlich ein größerer Junge in schnellem Tempo hinter ihr angerast. Er fällt auf sie drauf und Cosima geht im Wasser unter. Sie verschluckt sich und kann nicht rufen. Plötzlich weiß sie gar nicht, wie ihr geschieht. Starke Arme heben sie aus dem Wasser. Der Bademeister lächelt sie an. "Alles in Ordnung? Da hast Du aber Glück gehabt". Cosima reibt sich das Wasser aus den Augen und muß fürchterlich husten. Ihre Mutter kommt angelaufen. "Bist Du in Ordnung?" fragt sie ängstlich. "Es ist alles gut gegangen. Der Schutzengel hat auf Ihre Kleine aufgepaßt", beruhigt sie der Bademeister. Lächelnd verabschiedet er sich von Cosima und ihrer Mutter. Die beiden haben jetzt keine Lust mehr hier zu bleiben und gehen in die Umkleidekabine. Auf dem Weg dorthin denkt Cosima wieder an ihren Schutzengel. 'Ich möchte ihn so gerne sehen'.

Müde von den Ereignissen dieses Schwimmausfluges liegt Cosima abends im Bett. Ganz fest drückt sie ihren Bärli an sich. "Weißt Du nicht, wo mein Schutzengel ist?" fragt sie ihn. Er aber schüttelt verneinend den Kopf. Beide schlafen ein.

Am nächsten Morgen klingelt es nach dem Frühstück an der Tür. "Öffnest Du mal", bittet ihre Mutter Cosima. Sie läuft zur Eingangstür. Erschrocken guckt sie den Mann, der dort steht, an. Ganz schwarz ist er gekleidet. "Ich bin der Schornsteinfeger, Du brauchst keine Angst zu haben", lacht der schwarze Mann. In diesem Moment kommt ihre Mutter bereits angelaufen, und beide begleiten den Schornsteinfeger in den Garten. Mit einer hohen Leiter klettert er auf das Dach ihres Hauses. Jetzt hat sie eine Idee. "Du kannst doch ganz weit sehen von dort oben, nicht wahr?" fragt sie den Schornsteinfeger. "Ja, das kann ich wohl", antwortet der und sieht sich um. "Kannst Du vielleicht meinen Schutzengel sehen?" fragt sie zögernd. Er sieht sich gewissenhaft in alle Richtungen um, dann antwortet er: "Nein, kann ihn nicht erkennen". "Schade", murmelt Cosima.

Den Nachmittag verbringt Cosima mit Lotta im Garten. Viel gibt es zu spielen und zu erleben. Sie hat gar keine Zeit mehr, über ihren Schutzengel nachzudenken. Als sie an diesem Abend ins Bett geht, denkt sie seit langem mal nicht darüber nach, daß sie ihren Schutzengel sehen möchte. Selig und tief schläft sie ein. "Hallo, Cosima", ruft eine leise Stimme. Cosima stutzt. Sie schläft doch. Wer stört? "Du wolltest mich doch einmal sehen. Ich bin Dein Schutzengel", spricht erneut die leise Stimme. Cosima bekommt große Augen und rote Wangen. "Du bist mein Schutzengel", staunt sie und sieht ihn an. "Warum zeigst Du Dich denn nicht am Tage?". "Wir Schutzengel dürfen uns nicht zeigen. Wir müssen nur auf Euch aufpassen. Damit Euch nichts geschieht". Cosima betrachtet glücklich ihren Schutzengel. "Jetzt weiß ich wenigstens, wie Du aussiehst. Und daß es Dich gibt. Wirklich". Ihre letzten Worte gehen im Schlaf unter.

Der Schutzengel streicht der Kleinen übers Haar und fliegt lächelnd davon.
Am nächsten Morgen wacht Cosima fröhlich und ausgeschlafen auf. "Mama, ich habe geträumt. Von meinem Schutzengel. Ich weiß jetzt, wie er aussieht. Er ist wunderschön. Und ich weiß jetzt genau, daß es ihn gibt. Ganz in echt".

Das ist wirklich ergreifend!!!!!

Bitte nehmt euch die Zeit, diese Zeilen zu lesen! Dauert nur 3 Minuten und tut nicht weh ! Denk doch bei der nächsten Heimfahrt mal an diese Geschichte: Andi schaute kurz noch einmal auf das Tachometer, bevor er langsamer wurde: 79 innerhalb einer Ortschaft. Das vierte Mal in 4 Monaten. Wie konnte ein Typ denn so oft erwischt werden? Als er sein Auto auf 10 km/h abbremste, fuhr Andi rechts ran. Der Polizist, der ihn angehalten hatte, stieg aus seinem Auto aus. Mit einem dicken Notizbuch in der Hand. Christian? Christian aus der Kirche? Andi sank tiefer in seinen Sitz. Das war nun schlimmer als der Strafzettel. Ein christlicher Bulle erwischt einen Typen aus seiner eigenen Kirche. Einen Typen, der etwas Angespannt war, nach einem langen Tag im Büro. Einen Typen, der morgen Golf spielen wollte. Als er aus seinem Auto sprang, erblickte er den Polizisten, den er jeden Sonntag in der Kirche sah. Er hatte erst nur den Mann in Uniform gesehen. "Hi Christian. Komisch, dass wir uns so wieder sehen!" "Hallo Andi." Kein Lächeln. " Ich sehe du hast mich erwischt in meiner Eile nach Hause zu kommen, um meine Frau und Kinder zu sehen." "Ja, so ist das." Christian, der Polizist schien unsicher zu sein. "Ich bin in den letzten Tage erst sehr spät aus dem Büro gekommen. Ich denke auch, dass ich die Verkehrsregeln nun mehr als einmal gebrochen habe." Andi war nervös und ungeduldig. " "Verstehst du, was ich meine ?" "Ich weiß, was du meinst. Ich weiß auch, dass du soeben ein Gesetz gebrochen hast." Aua. Dies geht in die falsche Richtung. Zeit die Taktik zu ändern. "Bei wie viel hast du mich erwischt?" "Siebzig. Würdest du dich bitte wieder in dein Auto setzen?" "Ach Christian, warte bitte einen Moment. Ich habe sofort auf den Tacho geschaut, als ich dich gesehen habe! Ich habe mich auf 65 km/h geschätzt!" Andi konnte mit jedem Strafzettel besser lügen. "Bitte Andi, setz dich wieder in dein Auto." Genervt quetschte Andi sich durch die noch immer offene Türe. Ein Knall und die Tür war zu. Er starrte auf sein Armaturenbrett. Christian war fleißig am schreiben auf seinem Notizblock. Warum wollte Christian nicht Führerschein und Papiere sehen? Was auch immer der Grund war, es würden einige Sonntage vergehen, bis er sich in der Kirche wieder neben diesen Polizisten setzen würde. Christian klopfte an die Tür. Er hatte einen Zettel in der Hand. Andi öffnete das Fenster, maximal 5cm, gerade genug, um den Zettel an sich zu nehmen. Christian gab ihm den Zettel durch. "Danke." Andi konnte die Enttäuschung nicht aus seiner Stimme halten. Christian setzte sich wieder ins Auto ohne ein Wort zu verlieren. Andi wartete und schaute durch seinen Spiegel zu. Dann faltete er den Zettel auf. Was würde ihn dieser Spaß wieder kosten? Hej! Warte mal! War das ein Witz? Dies war kein Strafzettel. Andi las: "Lieber Andi, ich hatte einmal eine kleine Tochter. Als sie sechs Jahre alt war starb sie bei einem Verkehrsunfall. Richtig geraten, der Typ ist zu schnell gefahren. Einen Strafzettel, eine Gebühr und drei Monate Knast und der Mann war wieder frei. Frei um seine Töchter wieder in den Arm nehmen zu dürfen. Alle drei konnte er wieder lieb haben. Ich hatte nur eine und ich werde warten müssen, bis ich in den Himmel komme, bevor ich sie wieder in den Arm nehmen kann. Tausendmal habe ich versucht diesem Mann zu vergeben. Tausendmal habe ich gedacht, ich hätte es geschafft. Vielleicht habe ich es geschafft, aber ich muss immer wieder an sie denken. Auch jetzt. Bete bitte für mich. Und sei bitte vorsichtig, Andi. Mein Sohn ist alles was ich noch habe. Gruß Christian" Andi drehte sich um und sah Christians Auto wegfahren. Er fuhr die Straße wieder runter. Andi schaute bis er nicht mehr zu sehen war. Erst ganze 15 Minuten später fuhr er langsam nach Hause. Er betete um Verzeihung und zu Hause angekommen nahm er seine überraschte Frau und Kinder in den Arm und drückte sie ganz fest.  Das Leben ist so wertvoll. Behandle es mit Sorgfalt. Dies ist eine sehr wichtige Nachricht, bitte gib sie weiter an alle anderen Freunde. Fahr vorsichtig und mit Verständnis anderen gegenüber. Vergiss nie, Autos kann man wieder kaufen - so viele man will. Menschenleben aber nicht!!! In diesem Sinne bleibt gesund und munter, damit wir uns noch oft treffen können, um Spass miteinander zu haben.
Es war der 24. Dezember, und es schneite. Gleichmütig und gleichmäßig fiel der Schnee. Er fiel auf die Fabrik für künstliche Blumen, und sein frisches Weiß gab dem häßlichen Backsteinbau etwas beinahe Heiteres. Er fiel auf die Villa des Fabrikanten, deren eckige Fassade er mit gefälligen Rundungen versah, und er fiel auf das Einfamilienhaus des Werkmeisters, aus dem er ein drolliges Zuckerhäuschen machte.
In den Hallen der Fabrik war um diese Zeit keine Menschenseele, Ein mißglücktes Veilchen aus Draht und Wachs sinnierte im Kehrichteimer vor sich hin, eine eiserne Tür zum Hof bewegte sich quietschend in den ausgeleierten Scharnieren.
In der Villa nebenan telefonierte die Gnädige zum viertenmal aufgeregt mit der Tierhandlung wegen der bestellten Schildkröte.
Früher, als junge Dame, war die Gnädige entzückend aufgeregt gewesen. Jetzt war sie nur noch aufgeregt.
Im Einfamilienhaus schrieb das jüngste der elf Kinder, die kleine Sabine, zum viertenmal ihren Wunschzettel: „Lihber Weihnachtsman ich möchte, eine Schildkröte hahben deine Sabine.“
Die Gnädige erwartete die Schildkröte zur Suppe. Sabine erwartete sie als Spielgefährtin. Und der Zufall in Gestalt eines Botenjungen sprach die Schildkröte derjenigen zu, die sie verdiente.
Hier muß endlich bemerkt werden, daß die Villa und das Einfamilienhaus eine Kleinigkeit gemeinsam hatten: Das Namensschild an der Tür. Auf beiden Schildern las man „Karl Moosmann“. Zwar las man bei dem Fabrikanten einen Buchstaben mehr, nämlich „Karl F. Moosmann“. Aber für derlei feine Unterschiede haben Zufälle und Botenjungen kein Auge.
So kam es, daß die Schildkröte ins Einfamilienhaus gebracht wurde, wo man sie freudig und arglos in Empfang nahm.
Vater Moosmann glaubte weder an Engel, die als Botenjungen verkleidet kommen, noch an die Gaben guter Feen. Aber er glaubte daran, daß die kleinen Wünsche kleiner Kinderherzen Gewalt über Menschen und Dinge haben. Deshalb freute er sich, als der liebenswürdige Zufall seinen Glauben bestätigte.
Sabine erhielt das unerwartete Geschenk schon vor der Bescherung. Die erste Begegnung mit dem Tier verlief für beide Teile etwas unglücklich. Die Schildkröte unterschied sich von der geliebten Bilderbuchschildkröte nämlich dadurch, daß sie zappelte, wenn man sie aufhob, und daß sie bei ungeschickter Berührung sogar fauchte. Das irritierte Sabine so heftig, daß sie das Tier fallen ließ. Zum Glück fiel es nicht tief. Sabine maß noch keinen Meter.
Das Mädchen konnte vor Schreck nur „plumps“ sagen. Doch dann hob sie das Tier trotz der strampelnden Beine wieder auf, streichelte den hell- und dunkelbraun geschuppten Panzer und sagte: „Armer Plumps!“ Und damit war das Tier getauft. Aus einer beliebigen Schildkröte war sie zu einer bekannten geworden, zur Schildkröte Plumps Moosmann.
Indessen telefonierte die Gnädige zum fünftenmal mit der Tierhandlung, und ihre metallische Stimme kippte dabei zuweilen leicht über: „...ist doch großer Unfug. Wie kann sie hier sein, wenn niemand sie gebracht hat? ... Bitte?... Nein, Schildkrötensuppe!... Schildkrötensuppe!... Was sagten Sie?... Die letzte? Das wird ja immer heiterer! Ich habe sie doch zeitig genug bestellt!... Ist denn der Bote noch nicht zurück?... Wie?... Also dann rufe ich in einer halben Stunde noch einmal an. Wenn sie dann noch nicht da ist, haben Sie einen Kunden weniger!Adieu!“
Der Hörer fiel scheppernd in die Gabel und die Gnädige in den Teakholzsessel. Erst jetzt bemerkte sie, daß ihr Sohn Alexander in der Tür stand.
„Bekomme ich auch eine Schildkröte zu Weihnachten, Mama?“
Als die Gnädige antwortete, war ihr Stimme um einen Ton weicher als gewöhnlich. „Die Schildkröte ist für die Suppe, Alex! Vater wünscht sich eine echte Mockturtlesuppe zum Fest.“
Alexander zog eine Schnute, die ihm reizend stand, und wollte abziehen. Aber er besann sich anders, drehte sich noch einmal um und äußerte betont beiläufig: „Sabines Schildkröte heißt Plumps. Sie wird nicht zu Mucketurtelsuppe verarbeitet.“
Dann wollte er endgültig gehen. Aber diesmal hielt die Mutter ihn zurück.
„Was ist das für eine Schildkröte, von der du sprichst, Alex?“
„Sabine hat heute nachmittag eine Schildkröte zu Weihnachten bekommen. Sie weiß nicht, von wem. Sie heißt Plumps.“
„Heute nachmittag, sagst du? Warte, bitte!“
Zum sechstenmal an diesem Nachmittag des 24. Dezember telefonierte die Gnädige mit der Tierhandlung. Der Bote war gerade zurückgekommen und berichtete, daß er das Tier bei Karl Moosmann abgeliefert habe.
Damit war die Sache klar: Sabine hatte versehentlich die Schildkröte der Gnädigen bekommen. Also wurde Alexander ins Nachbarhaus geschickt, um den Irrtum aufzuklären und die Schildkröte herüberzuholen.
Die Moosmannkinder nebenan waren allesamt rothaarig. Das Rot ihrer Schöpfe reichte vom blassen Gold bis fast zum Zinnober. Sie waren gerade dabei, sich für die Bescherung umzuziehen, als Alexander herübergestürmt kam. So traf der Bub nur Mieze, die Älteste, die in der Küche stand und kochte. Die kleine Sabine bemerkte er nicht; denn sie hockte mit ihrer Schildkröte hinter der halb offenen Küchentür.
„Du, Mieze, es ist unsere Schildkröte!“ schrie er ohne jede Einleitung. „Wir brauchen sie für die Mucketurtelsuppe. Der Bote hat sie aus Versehen zu euch gebracht!“
„Mockturtlesuppe kocht man aus Kalbsköpfen und nicht aus Schildkröten“, bemerkte Mieze, denn sie besuchte eine Kochschule.
„Trotzdem ist es unsere Schildkröte. Wo ist sie?“
Mieze zuckte mit den Schultern und schielte unauffällig zur Küchentür. Aber weder Sabinchen noch die Schildkröte waren zu sehen. Sie gab Alexander den Rat, im ersten Stock nachzuforschen.
Im Mädchenschlafzimmer des ersten Stocks fingen vier Moosmannmädchen bei Alexanders Eintritt zu kreischen an. Sie probierten gerade drei gewaltige Petticoats. Das belustigte Alexander. Aber die Schildkröte hatte er noch immer nicht.
Im Jungenschlafzimmer spielte er mit drei Moosmannbuben Domino. Das war aufregend. Aber die Schildkröte hatte er noch immer nicht.
Auf der Treppe lief er dem alten Moosmann in den Weg, der schon von der Verwechslung gehört hatte und die Stirn krauste.
„Wenn die Schildkröte euch gehört, muß Sabine sie zurückgeben“, meinte er. „Es gibt ja noch mehr Schildkröten auf der Welt. Sag deiner Mutter, wir brächten das Tier, sobald wir Sabine gefunden haben.“
Alexander raste mit dieser Nachricht in die Villa zurück, und zehn Moosmannkinder suchten Sabine mit ihrer Schildkröte.
Eine Stunde später suchte man das Schwesterchen noch. Schließlich wurde Mieze in die Fabrikantenvilla geschickt, um nachzuforschen, ob Sabine schon dort sei. Aber auch dort war das Mädchen nicht.
Erst jetzt begriff Mieze, was geschehen war: Sabine hatte die Unterhaltung in der Küche belauscht und sich mit ihrer Schildkröte irgendwo versteckt, um das Tier behalten zu können. Aber wo steckte das Kind?
Mieze erzählte der Gnädigen von ihrer Vermutung und fügte hinzu: „Echte Mockturtlesuppe wird übrigens aus Kalbskopf hergestellt, obwohl man sie fälschlich Schildkrötensuppe nennt.“
„Sind Sie ganz sicher?“ fragte die Gnädige.
„Ganz sicher“ , antwortete Mieze. „Ich besuche einen Kochkurs. Außerdem können Sie es in jedem Lexikon nachlesen.“
„Danke für die Belehrung, mein Kind“, erwiderte die Gnädige.
„Unter diesen Umständen erlaube ich Sabine, die Schildkröte zu behalten!“
„Vorausgesetzt, wir finden Sabine“, gab Mieze ruhig zurück und verließ die Villa.
Draußen schneite es noch immer. Es dunkelte schon, und die Stunde der Bescherung rückte näher. Aber im Hause der Moosmannkinder zeigte sich keine Sabine.
Hin und wieder kam Alexander von der Villa herüber und fragte, ob das Mädchen gefunden sei. Aber er kehrte jedesmal ergebnislos zu seiner Mama zurück.
Gegen halb fünf zog die Gnädige ihren Pelzmantel an und ging selbst ins Nachbarhaus. Obschon sie für die heillose Verwechslung nichts konnte, fühlte sie eine Art Mitschuld.
Mutter Moosmann saß als ein Häufchen Elend in der Küche. Vater Moosmann donnerte sinnlose Befehle ins Haus und scheuchte seine Kinder in die entferntesten Winkel.
In diesem Wirrwarr verwandelte sich die nervöse Aufregung der Gnädigen plötzlich in erstaunliche Tatkraft um.
„Frau Moosmann, bereiten Sie die Bescherung vor!“ sagte sie in so entschiedenem Ton, daß Mutter Moosmann wirklich aufstand und sich am Küchentisch zu schaffen machte.
„Glauben Sie, wir finden Sabine?“ Mutter Moosmann schluckte bei der Frage.
„Wir werden sie alle zusammen suchen“, antwortete die Gnädige. „Und ich bin sicher, wir finden sie!“
Unter Leitung der Gnädigen begann eine planmäßige Suche durch das ganze Haus, an der Vater Moosmann sich merkwürdig widerspruchslos beteiligte. Der Kloß in seiner Kehle wurde immer kleiner, als er eine Aufgabe hatte.
Aber der Kloß wuchs zur alten Größe, als nach einer halben Stunde das Ergebnis der Suche feststand: Sabine war nicht im Haus.
Jetzt war die Gnädige nicht mehr so zuversichtlich wie zuvor. Aber sie zwang sich, es niemanden merken zu lassen.
„Sabine hat das Haus verlassen“, stellte sie mit betont sachlicher Stimme fest. „Wir müssen die ganze Nachbarschaft durchkämmen. Ich habe einen Mann, einen Sohn und zwei Dienstboten. Die werden mitsuchen. Jeder nimmt ein Revier. Ich übernehme die Fabrik.“
Zunächst wurde von der Villa aus mit der Polizei telefoniert. Aber die hatte kein Mädchen mit Schildkröte aufgegriffen. Immerhin wollte sie die Augen offenhalten.
Dann schwärmte man, einschließlich Fabrikant und Hausmädchen, nach einem genau durchdachten Plan unter dem wirbelnden Schnee in die Häuser und Gassen der Nachbarschaft aus.
Die Gnädige schritt entschlossen in den Hof der Fabrik und entdeckte hier eine weit offenstehende Eisentür.
Als sie durch die Tür in die Fabrik trat und das Licht einschaltete, hörte sie aus einer entfernten Ecke der riesigen Halle eine Art leises Quieken. Sie wandte den Kopf und entdeckte rechts hinten in der Ecke ein ganz in sich zusammengekrümmtes Geschöpfchen: Sabine.
„Aber Kind, was machst du denn da?“ Ihre Stimme hallte kalt und fremd durch den Raum.
„Du kriegst die Schildkröte nicht!“ schrie das Mädchen. „Plumps gehört mir!“
Erst jetzt bemerkte die Gnädige, daß Sabine auf dem Kehrichteimer hockte und die Schildkröte auf dem Schoß hatte.
Sie schritt quer durch die Halle auf das Mädchen zu, das noch mehr in sich zusammenkroch und ihr mit großen, ängstlichen Augen entgegensah.
„Du kannst die Schildkröte behalten, Sabine! Ich brauche sie nicht mehr.“
Das Kind umklammerte die Schildkröte. Ihre Augen verrieten Zweifel.
Die Gnädige war verwirrt und wiederholte: „Du kannst die Schildkröte behalten!“
Als sie fast vor Sabine stand, rief das Mädchen: „Du lügst! Du willst Suppe aus ihr kochen! Aber man kann die Suppe auch aus Kalbsköpfen kochen, sagt Mieze.“
Jetzt mußte die Gnädige lachen. „Du hast recht“, gab sie zu. „Die Suppe, die ich kochen will, macht man aus Kalbskopf. Deshalb brauche ich überhaupt keine Schildkröte.“
„Schwöre, daß es meine Schildkröte ist!“
Halb befremdet, halb belustigt, legte die Gnädige eine Hand auf das Herz, hob die andere zum Schwur und versicherte feierlich: „Ich schwöre, daß die Schildkröte mit Namen Plumps der Sabine Moosmann gehört!“
„Jetzt glaube ich dir!“ Das Mädchen stand auf, setzte die Schildkröte zu Boden und sagte: „Nun zeige ich dir, wie schnell Plumps laufen kann!“
„Zeig es mir später, Sabine. Wir müssen heim. Ich glaube, du hast dich erkältet. Und Plumps muß auch in die Wärme zurück. Die meisten Schildkröten halten nämlich um diese Zeit ihren Winterschlaf.“
„Weiß ich“, bestätigte Sabine mit Kennermiene. „Ich muß eine Kiste mit Torf für Plumps besorgen.“
Plötzlich begann die Schildkröte heftig mit den Beinen zu strampeln, und Sabine fing an zu niesen. Da ergriff die Gnädige entschlossen die freie Hand des Mädchens und ging mit ihr durch den fallenden Schnee hinüber zum Haus der Moosmannkinder.
Unterwegs meinte Sabine: „Wenn du keine Suppe aus Schildkröten kochst, könntest du dir eigentlich eine Schildkröte zum spielen anschaffen!“
„Geht nicht, Sabine! Plumps war die letzte Schildkröte in der Tierhandlung. Die anderen liegen im Winterschlaf.“
Das kleine Mädchen blieb plötzlich stehen, zögerte einen kurzen Augenblick, blickte die Schildkröte an, die sich unter ihrem Panzer verkrochen hatte, und legte sie sanft der Gnädigen in den Arm. „Ich schenk sie dir zu Weihnachten! Es gibt ja noch andere Schildkröten. Ich bestell mir eine im Frühling.“
Die Gnädige sah verwirrt auf die Schildkröte, die auf dem weichen Pelz des Mantels vorsichtig den Kopf hervorstreckte.
„Es gefällt ihr bei dir“, sagte Sabine.
„Trotzdem glaube ich, daß du mehr Zeit für die Schildkröte hast als ich, Sabine. Ich gebe dir das Geschenk zurück.“
Wieder wechselte das verschüchterte Tier den Besitzer.
Sabine strahlte. „Du hast recht“, meinte sie. „Ich kann mich mehr um Plumps kümmern als du. Außerdem ist sie ja schon an mich gewöhnt. Du bist viel netter, als ich dachte. Vielen, vielen Dank und fröhliche Weihnachten.“
Die Gnädige schluckte ein bischen und sagte mit ungewohnt weicher Stimme: „Fröhliche Weihnachten, Sabine!“
Dann wanderten sie Hand in Hand weiter und wurden bald von den Flocken verdeckt, die gleichmäßig und gleichmütig auf Gerechte wie auf Ungerechte fielen.