Engelsfeder

 
Einst, vor einer langen Zeit, begab sich ein Engel auf eine weite Reise Richtung Erde, um dort den kleinen Jungen David zu beschützen.
Der Engel war selbst noch sehr jung und es sollte seine erste Reise sein, die erste Aufgabe die er zu bewältigen hatte.

Jeder Engel wird ohne Flügel geboren, erst mit jeder bestandenen Prüfung beginnen sie zu wachsen.
So stieg der Engel den Himmel hinab und machte sich auf die beschwerliche Suche nach dem kleinen David. Es war eine schwere Aufgabe, wie der Engel bald feststellen musste, denn er wusste kaum etwas über seinen zukünftigen Schützling. Vom Himmel hatte er nur sehr wenig Angaben bekommen. In einem Waisenhaus soll der Kleine leben und taub ist er, wurde ihm berichtet. Mehr wusste der Himmelsbote nicht.
So ging der Engel in jedes Waisenhaus um die Kinder dort nach David zu fragen, doch keines konnte ihm helfen. Der Engel reiste weiter, die Füße schmerzten, bis er endlich in ein kleines Dorf kam. Erst hoffte er dort ein wenig rasten zu können, doch dann sah er ein Schild, das zum Waisenhaus führte. Der Engel vergaß sofort seinen Schmerz, lief durch das Dorf, bis er das Tor zum Waisenhaus erreichte. Sein Herz begann laut zu pochen, er betrat das Haus, ging durch den langen Flur, dort am Ende saß ein Junge am Boden und der Engel wusste sofort, das ist David, denn ein kurzer Blick in die traurigen Augen des Jungen verrieten dem Engel all das Schicksal und Leid der Vergangenheit.
Er las in der Seele des Kleinen...

Die Mutter, fort, geflohen,
der Vater dem Alkohol verfallen,
Brüder, Schwestern im Dunkel´ verloren,
ich allein in meinem Kinderbett

Hör´ Schritte Tag und Nacht,
Gedonner´ an meiner Tür,
Hunger, Durst, keiner der mich bewacht,
Angst bestimmt mein Leben

Der Vater trunken, wütend,
habe etwas falsch gemacht,
Schläge, doch kein Schmerz,
die Seele tot im Kinderherz

Still, kein Laut an meiner Tür,
höre nichts, ist er nicht mehr hier?
Verstorben im Rausch,
mit ins Grab genommen – mein Gehör.

Der Engel gepackt von Trauer und Wut, setzte sich neben David und begann mit ihm zu spielen. Der Junge sah auf, hatte er eben etwas gehört? Die Gedanken des Engels hörbar für David den tauben Jungen.
Ein zartes Lächeln huschte über David´s Lippen. Und trotz seiner Vergangenheit begann der Kleine sofort dem Engel zu Vertrauen, eine Vertrautheit, wie man sie nur einmal im Leben hat. Es ist dieser Augenblick, wenn man seinem Engel begegnet, ihn das erste mal sieht und meint, ihn schon ewig zu kennen.
David lernte von diesem Zeitpunkt an, auf und mit seinem Herzen zu hören. Der Engel war stets auf seiner Seite, stand ihm bei, wenn es dem Jungen schlecht ging, munterte ihn auf, lachte mit ihm. Immer wieder erzählte der Engel vom Himmel, wie schön es dort oben sei, aber er so glücklich auf Erden ist, dass er nicht mehr nach oben wolle.
So vergingen die Jahre. David, einst ein kleines taubes Kind, dass sich nicht verständigen konnte, war nun fast erwachsen geworden. Er war sehr beliebt, denn er half wo er nur konnte, erkannte Dinge schneller als andere, da er eben einen Engel hatte, der ihm so viel lehrte.
Doch eines Tages kam ein Bote aus dem Himmel und überbrachte dem Engel eine dringende Nachricht.

Engel, Wesen des Vertrauens,
Deine Aufgabe ist vollbracht,
Deine Flügel wohlverdient,
hast Deine Sache gut gemacht.

Nun ist es an der Zeit,
zu sagen „Lebewohl“
und wieder zu reisen gen Himmel
denn es ist Deine heutige Chance zurück.

Sonst musst Du verweilen auf Erden,
bleiben bis David´s Tod,
erst danach bekommst Du Deine Flügel wieder,
um zu Reisen dem Himmel empor.

Als David davon hörte begann er zu weinen und flehte den Engel an zu bleiben, er war verzweifelt wusste nicht wohin mit den Gefühlen, alles war plötzlich so wirr. Sein Engel soll fort??
Der Engel strich dem Jungen durch das seidene Haar und sprach zu ihm...

David, ich muß fort,
mein Befehl ist nun gekommen
Du kannst mich sehen im Himmel dort
Und in Deinem Herzen will ich bleiben.


Ich lehrte Dich mit dem Herzen zu hören,
meine Aufgabe ist vollbracht,
darum lass mich ziehen,
in mein himmlisches Gemach.

So lieb hab ich Dich gewonnen,
doch meine Heimat ist dort oben,
meine Liebe zum Himmel nicht zerronnen,
Oh´ bitte halt mich nicht fest.

Ich kann nicht warten,
auf Deinen Tod, muss zurück,
es ist so groß meine Not,
Auf Wiedersehen!

Damit flog der Engel fort, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er flog mit der Kraft seiner Flügel, die er durch David bekam. Doch dabei verlor er eine Feder, schöner und weißer als man sich vorstellen kann, sie schwebte langsam zu Erde zurück und blieb vor den Füßen des einst so kleinen Jungen liegen. Dieser hob die Feder auf und sprach:

Mein lieber Engel im Himmel nun,
Vertrauen hast Du mir gelehrt,
mit dem Herzen zu hören,
dass weiß ich von Dir.

Ich verstehe, Du musst gehen,
kannst nie mehr zurück,
Es war ein Lebewohl,
kein Auf Wiedersehen.

Ich stehe hier allein,
wie vor vielen Jahren,
Ein Leben ohne Schutz und Vertrauen,
Oh´ Nein – Nie mehr!

Hast gesagt kannst nicht warten,
auf mein´ Tod,
doch ich lege mir die Karten
und sage damit Lebewohl!

Danach hörte und sah man von David nichts mehr, er schien wie vom Erdboden verschluckt. Doch nach wenigen Jahren fanden Kinder eine Feder, sie war wunderschön und ein reineres Weiß kann man sich nicht erträumen. Sie lag am Ufer des reißenden Flusses...

Der Engel oben im Himmel, er, der einzige, der die Wahrheit kannte, verhüllte sich in ein einsames Schweigen, die Flügel einst so prächtig und schön waren auf immer verkümmert, denn als er David verließ, ihm seinen Schutz bis zum Lebensende verwehrte, verlor er die Feder des Vertrauens, die Wichtigste von allen, ohne sie können Engelsflügel nicht bestehen.

Auch heute kommen die Engel noch auf Erden, um ihren Menschen auf Lebenszeit zu beschützen, doch wer eines Tages merkt, dass er von seinem Engel verlassen wurde, sollte gut Acht geben, denn auch dieser Engel wird die Feder des Vertrauens verlieren. Und diese bleibt immer vor den eigenen Füßen liegen, man sollte die Feder gut verwahren und sie eines Tages einem besonderen Menschen, einem dem man blind vertrauen kann, schenken....