Afrikas Lächeln
Am Nachmittag rollten die Schatten über die weiten Dünen der Wüste. Die Studenten saßen bei ihren Professoren unter den weiten, weißen Zelten, tranken Bier und unterhielten sich. Der Nachmittag machte die Hitze erträglicher und leichter Wind war aufgekommen. Ihr Kommunikationstechniker, Mark Beaumont, saß etwas abseits von ihnen im Schatten eines kleineren Zeltdaches und trank Pfefferminztee, stützte die Ellenbogen auf den wackeligen Klapptisch und versuchte, Tagebuch zu führen. Er sah immer wieder hinaus auf die Dünen und fragte sich, was er hier eigentlich wollte. Er könnte in New York sein und seiner Arbeit als System Engineer bei einem Internet Provider nachkommen. Er könnte irgendwo an der Westküste als selbstständiger Techniker arbeiten; den Leuten die Internetanschlüsse konfigurieren oder als IT Sicherheitsberater in einer Bank arbeiten. Aber er war hier mit diesen Leuten von der UCLA, hier im Norden Afrikas und administrierte die verschlüsselte Satellitenverbindung, mit der die unterschiedlichen Meß- und Forschungsergebnisse an die Universität übermittelt wurden.
Ja, er hatte zu Johan Pendergast gesagt, daß er nicht mehr nach New York zurückkehren könnte und wollte und rückblickend waren die fünf Tage im Sommer 2001 die friedlichsten und erfülltesten Tage seines bisherigen Lebens gewesen. Die fünf Tage im Haus von Johan Pendergast, im Herzen von Iowa, bei den Brücken von Madison County. Mark Beaumont hatte gedacht, er könnte ein Echo dieses Friedens finden, wenn er sein bisheriges Leben einfach leugnete und alle Brücken hinter sich abbrach. Das hatte er getan und für eine kurze Zeit schien der Trick auch zu funktionieren. Und als er das Angebot erhielt, mit einer Delegation der Universität von Los Angeles nach Nordafrika zu reisen um dort als Kommunikationstechniker seinen Beitrag zu leisten, hatte er in einem schlichten Brief an seinen ehemaligen Arbeitgeber gekündigt, hatte Johan angerufen und ihm seine Entscheidung mitgeteilt. Johan hatte gesagt: „Du wirst wohl nie aufhören, ein Pilger zu sein, was?“
Mark dachte an das erotische Intermezzo zwischen ihnen. Eine sexuelle Erfahrung, die ihn nicht unbedingt in seiner Identität erschütterte, aber doch Fragen aufgeworfen hatte. Dies war vor einem halben Jahr geschehen. Johan und Mark hatten sich geliebt – zwei zwanzigjährige Burschen aus völlig unterschiedlichen Vorgeschichten, aus völlig verschiedenen Leben, waren aufeinander geprallt, waren explodiert und aus dieser Explosion größer und stärker hervorgegangen, als sie je zuvor gewesen waren. Zwei Jungs, die gerade zu Männern wurden und deren Gefühle füreinander – so wie es schien – vom Wald gesegnet worden waren, von den Geistern des Waldes, vom Geist des Waldes; wie auch immer.
Marks Wunsch, für immer bei Johan zu bleiben, für immer diesen Urlaub vom eigenen Leben zu haben, war nicht in Erfüllung gegangen. Und zurück in die Stadt wollte er auch nicht mehr. Und so kam es, daß er nun da saß, das Tropenhemd verschwitzt an seinem Rücken klebte und das er seit einer halben Stunde krampfhaft versuchte, Worte für sein Journal zu finden. Er hatte das Dell Notebook offen vor sich und Mark starrte das Blinken des Cursors an, während die Dämmerung aus dem Himmel fiel.
Vor ein paar Tagen waren sie auf ihrer Reise zu diesem Stützpunkt hier einem Nomadenstamm begegnet. Professor Eugene Steinberg verstand deren Sprache und die Begegnung verlief sehr erfreulich. Es wurden Höflichkeiten und kleine Geschenke ausgetauscht. Der halbwüchsige Sohn des Klanpatriachen sah immer wieder zu Mark Beaumont, als könnte er in dessen Augen die tiefen Schatten der vergangenen Erlebnisse sehen und aus diesen Schatten auf das Licht schließen, das in Mark Beaumonts Seele hell brannte. Der Junge hieß Karim, wurde Mark vorgestellt und am Abend der Begegnung saßen die beiden beisammen und bedauerten, daß sie einander nicht verstanden – eben weil sie das Gefühl hatten, sich viel sagen zu können. Karim war von außergewöhnlicher Schönheit, aber blaß. Karims Schönheit korrespondierte mit der Tatsache, daß er sterbenskrank war. Mark erfuhr dies von Karims Vater, der vorhatte, den Jungen in eine Vorstadt von Sebdou zu bringen und ihn der Obhut eines Onkels zu übergeben. Steinberg übersetzte für Mark, was der Vater Karims gesagt hatte. Der Vater schien die kurz aufflammende Sympathie zwischen den Beiden gutzuheißen und ihr wohlwollend gegenüberzustehen.
In all der Sprachlosigkeit, mit der sich die beiden gegenüber gesessen hatten, schwang eine fast bedrohliche, erotische Vibration mit: wie sie sich ansahen, anlächelten und hilflos versuchten, sich zu verständigen.
Mark kannte diese Art der Spannung nur zu gut. Im letzten Sommer hatte sie ihn neu geprägt und empfänglich dafür gemacht, mehr in sein Leben zu lassen, als auf den ersten Blick in sein Leben passen könnte.
Johan hatte ihn mit Unglauben, Schauder und Erregung erfüllt. Und dann mit einer fast heiligen Befriedigung und stillem Glück. Und Mark dachte, daß er wohl in die Wüste gegangen war, um dieses Gefühl zu konservieren oder neu zu entdecken.
Die Dämmerung verschwand in einem sagenhaften Farbenrausch und es wurde schlagartig dunkel und kühl. Der auffrischende Wind trieb den feinen Sand zischelnd über die Dünen und Mark schrieb ein paar Sätze über die merkwürdige Begegnung mit dem Berberstamm in sein Notebook. Er fand ein paar Worte über seine Gefühle gegenüber Karim. Und er schrieb, wie merkwürdig ihm diese Begegnung mit den Nomaden der Wüste erschien. Dies im einundzwanzigsten Jahrhundert. Eine Karawane, Reisende auf Kamelen und Pferden, vollgepackt mit den Utensilien ihres gesamten Lebens. In einigen Gesichtern dieser Reisenden fand Mark den Ausdruck von Selbstverständnis und stiller Zufriedenheit; einem Gefühl, dem er so verbissen nachjagte. Und für den Bruchteil einer Sekunde war er wild entschlossen, einfach alles stehen und liegen zu lassen und sich ihnen anzuschließen. Mag ja sein, dachte er, daß das Leben dieser Leute entbehrungsreich und karg ist. In einem ihm unbekannten und von der Zivilisation überschatteten Teils seiner selbst schien er aber zu ahnen, daß es im Gegengewicht zu den Entbehrungen auch Reichtum gab, Freuden und Aufrichtigkeit.
Mark sah sehnsüchtig über den Rand des Monitors zu den Schatten der Dünen und dann höher, zu dem klaren Sternenhimmel. Er dachte: Sie sehen die Sterne, so wie ich sie jetzt sehe, hier oder hundert Meilen weiter weg. Die Nacht ist klar. Mir wäre wohler, meine Gedanken wären so klar wie diese Nacht. Sind sie aber nicht, no Sir.
„Mister Beaumont?“
Mark schreckte hoch und stieß dabei fast den Tisch um.
„Ah, Professor Steinberg. Genug vom akademischen Zirkel da drüben?“
Beaumont und Steinberg hatten sich in den paar Wochen, die diese Expedition schon andauerte, lose angefreundet. Steinberg schätzte an Beaumont die unaffektierte und grundehrliche Haltung. Das und natürlich seine unbestreitbaren Fähigkeiten als Techniker. Obwohl Mark Beaumont erst zwanzig Jahre alt war und in Steinbergs Augen der Gattung: Gepiercter Großstädter zuzuordnen war, suchte er immer wieder seine Nähe; abends, wenn die akademischen Wolken ausgeschwafelt waren und sich Ruhe ausbreitete.
„Woran denken sie, Mark? Sie machen einen sehr nachdenkliches Gesicht.“
Mark bot dem Professor Platz und eine Tasse Tee an, die er ihn aus der Thermoskanne einschenkte. Der Professor dankte ihm mit einem Nicken und einem Lächeln.
„Ich? Ich denke an die Begegnung mit den Nomaden. Das war seit unserer Ankunft hier im Norden von Afrika für mich die bedeutendste Begegnung. Ich finde diese Art zu leben sehr anziehend und beeindruckend…“
„Auch die Armut? Die Einsamkeit? Diese Leute ziehen durch die Wüste und bilden so was wie einen eigenen Mikrokosmos. Sie sind eine in sich geschlossene Gemeinschaft, auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert.“
„Das verstehe ich schon. Das muß ja auch irgendwie so sein, daß alles seine Schattenseiten hat. Trotzdem… ich würde sie gerne wiedersehen… Karim wiedersehen.“
„Karim? Der kranke Junge des Stammesfürsten? Er ist sehr krank.“
„Ja, das haben sie mir ja schon übersetzt.“
„Leukämie.“
„Ja, schrecklich, nicht? Die medizinische Versorgung bietet zwar die Medikamente, aber da auch nur in den Spitälern der größeren Städte und in den Missionen der Hilfswerke. Aber die Medikamente sind nicht so, wie bei uns, aufeinander abgestimmt. Dem Jungen fallen die Haare aus. Sein Zahnfleisch blutet…“
„Er wird sterben, Mark, daß wissen sie?“
Mark atmete tief ein und seufzte: „Ja, das ist mir klar. Die Chemotherapie kam zu spät. In welche Stadt wollten die den Jungen bringen? Nach Sebdou, oder?“
„In eine Vorstadt von Sebdou, oder äußeren Bezirk. Sebdou ist eine sehr kleine Stadt, eigentlich nur etwas mehr als ein größeres Dorf. Aber es gibt dort ein Krankenhaus und eben diesen Onkel des Jungen…“
„Der Bruder seines Vaters?“
„Nein, so wie ich das verstanden habe, der Bruder seiner ersten Frau.“
„Aha.“
„Wissen sie was, Beaumont? Die technischen Anlagen stehen. Sie haben die Programme so eingerichtet, daß wir selbst damit arbeiten können. Wenn sie also mal eben für ein paar Tage weg sind, würde das schon klappen. Sie können sich einen Jeep ausborgen, wir brauchen nicht alle Fahrzeuge hier. Wir haben hier genug zu tun und können die nächsten zwei Wochen auf einen der Wagen verzichten. Was sagen sie? Wollen sie den Jungen nochmals wieder sehen?
„Ai, ja, Professor, das würde mir viel bedeuten.“
Professor Steinberg zwinkerte und nickte: „Ich weiß. Kennen sie das Buch: „Das Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad?“
„Ja. Das hab ich erst kürzlich gelesen.“
„Dann wissen sie wohl auch, daß eine Reise nie nur eine Fortbewegung von einem Punkt zum nächsten ist, sondern auch eine Reise in die Erfahrung? Wissen sie: Es würde mißverständlich klingen wenn ich sage, daß der Junge das Herz der Finsternis hätte. Oder sie. Aber sie könnten auf ihrer Reise und auch an ihrem Ziel erkennen, daß das Herz der Finsternis in unser aller Herzen eine Option ist, die Zivilisation endgültig abzustreifen. Und damit meine ich nicht nur die westliche Zivilisation sondern jede Form der Zivilisation als Mischung aus Kultur, Religion und soziale Entwicklung…“
„Was wollen sie mir damit sagen, Professor? Das klingt schon ein wenig nach einer Unterstellung!“
„Unsinn, Beaumont, Unsinn. Ich möchte sie davor warnen, die Fahrt und den Grund für diese Fahrt falsch einzuschätzen. Machen sie keine Pilgerreise daraus, um im Herzen eines sterbenden Jungen die Überreste eines Lebens zu finden, daß sie sich für sich selbst gewünscht hätten.“
„Sie erstaunen mich immer wieder, Professor.“
„Und sie mich auch, Mark. Mehr jedenfalls, als die Studenten, oder Gott bewahre, meine Kollegen da drüben.“
„Sie erscheinen mir mehr als ein Geologe zu sein, der hier ist und Wasseradern und Höhlensysteme kartographisieren will.“
„Stimmt, Beaumont. Stimmt. Nebenbei bin ich auch ein alter Mann geworden, der sein Leben nicht damit zugebracht hat, auf anderer Leute Nudelsuppe daherzuschwimmen. Sie sollten vielleicht jetzt noch zwei Reservekanister auf den Jeep laden. Nehmen sie den Ranger, den zugedeckten. Der hat einen vollen Tank und wird sie tagsüber vor der Hitze schützen. Zumindest vor dem grellen Sonnenlicht. Und Wasser…“
„Wieso jetzt?“
„Schwere Arbeit, mein Junge. Die sollte man tun, wenns kühl ist. Und abgesehen mal davon möchte ich sie morgen nicht mehr sehen, wenn ich um fünf Uhr aufstehe, verstanden?“
„Ai Sir.“
„Guter Junge. Sie wissen, wo sie alles finden?“
„Eine Karte werde ich auch brauchen.“
„Ist im Jeep. Im Handschuhfach. Treffen sie ihre Vorbereitungen und hauen sie sich aufs Ohr. Sie könnten die halbe Strecke noch vor Tagesanbruch schaffen, wenn sie um etwa drei Uhr früh aufbrechen. Wenn sie dann nach Sebdou kommen, brauchen sie eigentlich nur zum Krankenhaus zu fahren. Ich denke, daß der Junge dort bekannt ist. Sein Nachname ist Matenoui. Fragen sie einfach nach Karim Matenoui. Gut?“
„Danke Professor.“
„Nichts zu danken, Beaumont. Wäre ich jünger und hätte ich nicht diese Sackratten von Studenten an den Eiern, würde ich mit ihnen fahren. Allein schon deshalb, um nur noch einmal dieses Lächeln zu sehen. Wissen sie? Es ist das Lächeln Afrikas in den Augen dieses Jungen. Und das ist sehr betörend, egal wie heterosexuell man ist. Sie verstehen, was ich meine?“
„Ich verstehe sie. Sehr gut. Im letzten Sommer lernte ich das Lächeln Iowas kennen. Und das hat sich mir gehörig ins Herz gebrannt.“
„Iowa kann lächeln? Nehmen sie mich nicht auf den Arm, Junge!“ lachte Eugen Steinberg und schlug Mark auf die Schulter.
„Oh, täuschen sie sich nicht: Iowa kann lächeln. Und wie. Und wenn es lächelt, hat es Goldsplitter in den Augen.“
„Sie wissen wohl, was Liebe ist?“
„Ja. Das weiß ich wohl.“
„Gute Reise, Beaumont. Bon Voyage, Pilger.“
„Sie sind nicht der erste, der mich so nennt.“
„Ach nein? Das wundert mich nicht. Wissen sie, sie sehen aus wie ein Pilger. Ja wahrhaftig, das tun sie. Gute Reise.“
Danke.“

Um zwanzig Minuten nach drei Uhr früh rollte Mark Beaumont mit dem Jeep über die Sandpiste nach Südosten. Bevor er losgefahren war, hatte er die Landkarte eingehend geprüft und wußte nun, daß er von Deglene, wo sie ihr Lager hatten, bis Sebdou etwa achtunddreißig Kilometer Luftlinie hatte. Er fuhr zuerst nach Sidi el Arbi und dann von dort in einer fast geraden Linie durch eine Geröllwüste nach Sebdou.
Und während er fuhr überlegte er, was seine wahren Gründe sein konnten, daß er zu diesem kranken und nichtsdestotrotz betörend schönen Jungen fuhr, der ihm ein Lächeln geschenkt hatte und sich nun daran machte, zu sterben. Mark Beaumont tastete sich an die Wahrheit heran, indem er sie einfach aufrollte: Warum bist du überhaupt hier in der Wüste und hütest millionen Dollar teure Anlagen, die vom Großteil der Expeditionsteilnehmer nur als Chatprogramm und zum emailen benutzt wird? Weil ich einmal im Leben nach Afrika wollte, schauen, ob es so ist wie Hemingway es beschrieb. Wie Burroughs es beschrieb, wie man es aus Fernsehdokumentationen kennt. Ich sitze im Jeep und fahre zu Karim, weil ich einmal allein sein möchte. Ich möchte nichts als das Land um mich haben. Jetzt im ersten Schimmer des Morgens. Ich fahre auch deshalb, damit ich von diesen hochnäsigen Unitypen wegkomme. Und ich fahre, damit ich noch einmal in Karims Augen sehen kann, denn weißt du: Ein Echo all dessen, was man je gesehen hat, das hallt einem solange man lebt, in den Augen nach. Es ist die Farbe der Augen, die Vibration der Iris und wenn Karim weinen würde, dann würden seine Tränen nach algerischer Wüste schmecken, wenn er lächelte, würde es aus seinem Mund nach gedörrten Früchten riechen, seine Haut nach Mandelöl… Ok, ich weiß, ich idealisiere. Ich glaube, ich fahre, weil er mich darum gebeten hat, ihn zu besuchen, bevor es zu spät ist und er nicht mehr begreifen kann, sehen kann, hören kann.
Vielleicht bin ich aus den Vereinigten Staaten hierher, um einem sterbenden Berberjungen die letzte Ehre zu erweisen.
Und, um ihn zu küssen. Denn das will ich wirklich.

Bei seiner ersten Reise, die ihn aus New York nach Iowa führte, direkt in die Arme von Johan Pendergast, hatte er einmal bei einer Wanderung auf einer Landstrasse an der Grenze zu Iowa gedacht, daß jede Reise mit zunehmender Geschwindigkeit auch zu einer Zeitreise werden würde. Danach war er gelaufen, so schnell ihn seine Beine trugen. Jetzt dachte er, daß man die Kultur, ja, das innerste Wesen eines Landes begreifen konnte, in einem Lächeln, in einem Kuß eines einzelnen Menschen. Das man in den Augen all die Farben der Jahrtausende sehen könnte und im Kuß all die Gewürze und Winde des Landes schmecken könnte.
„Herrje“ lachte Mark Beaumont leise, „Ich bin schon wieder auf einer Pilgerreise.“
Und das war er auch.

In Sidi el Arbi gönnte er sich eine kleine Pause, die er wirklich kurz hielt, nur um Wasser zu trinken und sich umzusehen. Er wurde teils argwöhnisch beäugt, was ihn nicht allzusehr störte. Die kalte Feindseligkeit, mit der ihn einige Jugendliche ansahen, die in weiße, weite Tücher gehüllt waren, enervierte ihn und er beschloß, sich nicht weit vom Jeep zu entfernen. Mark merkte bald, daß die Blicke eher seinem Jeep als ihm galten. Und der Tatsache, daß der Jeep ihm gehörte und nicht ihnen. Er war unauffällig gekleidet und vermittelte, wie er hoffte, nicht den Eindruck eines wohlhabenden, arroganten Touristen der sich in der Armut der Einheimischen suhlen möchte. Mark hatte für seinen Ausflug Jeans gewählt, sandfarbene Dockers und ein weites Jeanshemd, das er offen trug. Er hatte keinen Schmuck dabei, weil er nie Schmuck dabei hatte und die Uhr, die er trug, war leicht erkennbarer Tinnef. Zehn Minuten später war er wieder unterwegs und fuhr in den jungen Wüstentag.
Die Schotterpiste führte ihn direkt und geradeaus nach Sebdou. Linker Hand sah er die stahlgrauen Ausläufer des Tellatlas, vor sich türmte sich der Saharaatlas in den Himmel wie eine stille Bedrohung. Es schien ihm unmöglich abzuschätzen, wie weit es bis zu den Bergen war.
Der Tag war heiß und windstill und wenn er stehenblieb um auszutreten, war da nichts zu hören außer dem Ticken des erhitzten Motors und das Plätschern seines Urins. Ein paar Kilometer nördlich sah er eine kleine Karawane durch die Wüste ziehen und fragte sich, ob dies der Klan von Karim sei, der gerade zurück in die Wüste reiste, nachdem sie den Jungen bei seinem Onkel abgeliefert hatten. Als das Licht zu grell wurde, setzte sich Mark Sonnenbrillen auf und zurrte die Plane auf der Rückseite des Überrollbügels fest, damit sie nicht zu stark flattern konnte während der Fahrt.

Kurz nach elf Uhr Vormittags erreichte er Sebdou und fuhr auf einer geteerten Strasse in die kleine Stadt, die in den äußeren Teilen aus Lehmhütten und unfertigen Ziegelbauten gebildet wurde. Es gab eine alte Moschee, die jedoch verlassen wirkte und einige bessere, mehrstöckige Häuser. Sebdou wurde von einem kompliziert wirkenden Strassen- und Gassennetz durchzogen; asphaltiert waren allerdings nur zwei Strassen, die sich im Zentrum beim Krankenhaus trafen und über denen die Vormittagshitze waberte.
Mark war völlig durchgeschwitzt, als er den Wagen vor dem Krankenhaus abstellte und durch die Glastür in den Vorraum trat. Am Schalter saß eine junge schwarze Frau mit großen freundlichen Augen. Sie sah von dem Magazin hoch, indem sie geblättert hatte und sah Mark neugierig an. Er sagte: „Guten Tag. Ich möchte bitte zu Karim Matenoui. Können sie mir sagen, wo ich ihn finde?“
Sie schüttelte mit einem Lächeln den Kopf und hob die Schultern in einer fragenden Geste um sie gleich wieder fallen zu lassen. Dann fragte sie heiser: „Name? Nombre? Name?“
Mark lächelte und antwortete: „Karim Matenoui.“ Er buchstabierte den Nachnamen. Ihr Lächeln wurde breiter und sie rief aufgeregt: „Ah! Karim! Matenoui, Matenoui… kommen sie, kommen sie. Ist nicht hier, aber da…“
Sie kam hinter ihrer Theke hervor und kam auf ihn zu, packte ihn am Arm und zog ihn ins Freie. Die Glastür fiel hinter ihnen zu und Mark fragte sich für einen Moment, ob denn das üblich wäre, daß der Schalter im Krankenhaus unbesetzt ist. Das die Tagesschwester einfach so mal eben verschwinden konnte. Andererseits schien hier sowieso nichts los zu sein. Dieser Eindruck wurde ihm von der umfassenden Ruhe suggeriert, die er rund um das Krankenhaus, ja, in der ganzen Stadt wahrnahm. Hier war nichts von einem Bazar zu sehen, kein Treiben auf den Strassen, selbst die Palmblätter der Bäume hingen still und tot da. Er dachte an den spanischen Spruch: „Von 10 Uhr Vormittags bis drei Uhr Nachmittags sieht man nur Touristen und Hunde auf der Strasse.“
Sie führte ihn vom Zentrum weg und lächelte dabei unentwegt. Ein breites, zuversichtliches und absolut unbedrohliches Lächeln. Sie liefen durch einige sehr enge Schottergassen und kamen schlußendlich vor einem der unfertig wirkenden Ziegelhäuser zum stehen. Der Wohnungseingang wurde durch bunte Plastikbänder markiert, die eine Art Vorhang bildeten. Sie klopfte an den Türrahmen und grinste atemlos und Mark fragte sich, ob er das richtige tat. Und wenn er das richtige tat, ob es den Menschen, die damit zu tun haben würden, auch als das richtige erschien.
Ein junger Mann mit krausem, dunklem Bart kam an die Tür, schob die Plastikbänder zur Seite und musterte Mark mit müden, traurigen Augen. Mark sagte: „Karim? Ist er da?“ Der Mann deutete auf Marks Brust und sagte mit einer eigentümlichen, guturalen Stimme: „Mark USA? Oui?“
Mark nickte, zeigte mit dem Daumen auf sich und wiederholte: „Mark.“
Da lächelte der Mann und machte einen Schritt zur Seite und sagte: „Komm komm. Gast.“
Kaum zwei Schritte von der Tür weg, im Inneren des Hauses fiel Mark auf, daß es hier angenehm kühl war. Nicht wirklich kühl, aber doch wesentlich erträglicher als draußen. Der Mann, den Mark zweifelsfrei für den Onkel von Karim hielt, führte ihn tiefer in das Haus, an der Küche vorbei in einen kleinen Raum, der abgedunkelt war. Der Onkel ging halb in den Raum hinein und sagte etwas auf arabisch, wie es Mark schien. Dann hörte er, wie der Onkel seinen Namen nannte. Und dann hörte er Karims Stimme: „Mark USA? Mark USA?“ Dann etwas arabisches, ein Singsang, heiser und elektrisierend. Der Onkel erschien in der Tür und bedeutete Mark einzutreten. Mark hatte den Eindruck, daß der Onkel den Jungen sehr höflich behandelte, um nicht unterwürfig zu sagen. Karim schien in dieser patriachalischen Gesellschaft als Sohn eines Nomadenfürsten einen gewissen Rang zu haben, der ihm Respekt einbrachte. Und gute Behandlung.
Mark trat in den Dämmer des Zimmers und orientierte sich. Links stand ein alter Kleiderschrank, aus Preßspanplatten zusammengeleimt. Unter dem Fenster stand das Bett. Die Läden des Fensters waren zu und das Licht schnitt sich in schwächlichen Streifen in den Raum.
„Karim?“
„Mark.“
Auf einem kleinen Beistelltisch stapelten sich Medikamentenschachteln, Ampullen und Spritzen. Darunter war auch ein mit arabischer Schrift gefüllter Briefbogen, den Mark für eine Art Gebrauchsanweisung für die Dosierung der Medikamente hielt, denn rechts oben auf dem Brief war ein offiziell wirkendes Symbol. Mark setzte sich auf die Bettkante und legte seine Hand auf Karims Hand und sah ihm in die Augen. Jetzt ging es ihm nicht mehr um Afrika oder um das Lächeln. Es ging ihm darum, einem Freund in die Augen zu sehen. Karim lächelte. Seine Augen wurden dabei zu blitzenden Schlitzen und er entblößte zwei Reihen makelloser, weißer Zähne. Das Gesicht war nach wie vor von edler Schönheit, wirkte aber in dieser düsteren Umgebung müde und trotz des Lächelns schwer gezeichnet.
Sie wußten beide, daß sie nicht miteinander reden konnten, also schwiegen sie. Mark streichelte über Karims Glatze und Karim griff nach oben und drehte sich Marks Haare um den Zeigefinger und zog spielerisch daran. Mark lächelte. Karim lächelte. Und das war gut.
Die Zeit verging und die Lichtstreifen der Lamellen wanderten vom Bett auf den Boden und dann über den Kasten. Karims Bett lag in Dunkelheit da. Der Ventilator an der Decke drehte sich mühsam und brachte die Luft kaum in Bewegung. Fliegen surrten.
Einmal stand Mark auf um sich zu erleichtern. Als er wieder kam, zog Karim ihn zu sich, deutete auf seinen Mund und schürzte die Lippen. Mark grinste freundlich und tat, worum ihn Karim gebeten hatte. Er beugte sich zu ihm und küßte ihn auf den Mund.
Und alles war so, wie er es sich vorgestellt hatte. Karims Kuß schmeckte nach Gewürzen, nach Milch und Honig, sein Haut roch nach Milch, seine Zunge war klein und flink, seine Lippen waren heiß. Was wie ein Bruderkuß begann, entwickelte sich zu einem erotischen Zungenkuß. Karims Hand wanderte über Marks Schenkel nach oben und griff ihm zwischen die Beine; er rieb mit der heißen flachen Hand über die Beule, bis sie hart wurde und von innen an die Jeans klopfte.
Der Onkel stand in der Tür, ein lautloser Schatten. Als er sah, wie glücklich Karim lächelte, lächelte auch er und verschwand in den Tiefen der Wohnung wie öliger Rauch in der Morgenbrise.
Zu mehr kam es nicht. Als die Dunkelheit von den Bergen herabrollte, stand Karim mühselig auf, stützte sich bei Mark und sie gingen aus dem Haus nach hinten in den offenen, weiten Hof. Dort setzten sie sich auf eine weißgestrichene Bank an ein kleines, von Steinen eingefaßtes Feuer und tranken Tee, den ihnen der Onkel nach draußen brachte. Karim sah immer wieder mit diesem berauschenden Lächeln zu Mark und griff in seine Haare und zog daran. Karim deutete mit einigen Bewegungen an, daß Mark sich die Haare scheren sollte um sie ihm zu geben. Mark war zuerst nicht sicher, ob er richtig verstand, worum ihn Karim bat. Doch dann stand Karim auf, ging ins Haus und kam mit Seife, Handtuch und Rasiermesser zurück auf den Hof. Mark sah ihn fragend an. Er deutete mit Ring- und Zeigefinger eine Schere an und fuhr sich durchs Haare. Karim nickte und lächelte. Er deutete mit beiden Händen eine Schale an und bewegte die Hände von Mark zu sich. „Ich soll dir meine Haare schenken, ja?“
Karim verstand ihn zwar nicht, nickte aber eifrig. Mark zuckte mit den Achseln und nickte dann: „Ok. Aber nur die Haare, wenn du mir die Ohren abschneidest, gibt’s was auf den Arsch, Kleiner, ok?“
„Asch, kleiner okay…“ echote Karim, packte das Messer und die Seife und machte sich über Marks Haare her.
Zwanzig Minuten später hatte Mark eine vollkommen glatte Glatze und seine schwarzen Haare schimmerten in einem silbernen Kelch. Karim rutschte auf den Knien zu ihm und leckte ihm spielerisch über die Glatze. Dann fanden sich ihre Lippen wieder und sie küßten sich. Karim unterbrach den Kuß, sah Mark fragend an und flüsterte: „Freund?“
„Ja“, antwortete Mark heiser und mit einem Kloß im Hals: „Freund.“
Karim ließ sich auf den Rücken fallen und sah hinauf zu den Sternen.
Kurz vor Mitternacht kam der Onkel in den Hof, lud sich Karim auf die Arme und brachte ihn zurück ins Haus.
Das war auch für Mark das Zeichen, aufzubrechen. In der Wohnküche winkte der Onkel Mark zu sich und schob ihm einen Zettel und einen Druckbleistift zu und deutete mit der Hand eine Schreibbewegung. Mark dachte kurz nach, was der Mann meinte und lächelte. Meine Adresse. Meine Adresse will er haben.
Er beugte sich über den Tisch und schrieb seine New Yorker Adresse auf den Zettel. Er sah dem Mann in die Augen und sah, daß sie feucht schimmerten. Trotzdem lächelte er Mark an.
Mark flüsterte: „Karim stirbt, nicht wahr?“
Der Onkel stand auf, fuhr sich durch den Bart und nahm Mark bei der Hand und führte ihn abermals in Karims Zimmer. Der Junge lag im Bett und hatte die Augen geschlossen. Der Onkel flüsterte: „… irbt irbt.“
Mark beugte sich zu Karim und küßte ihn auf die Stirn. Dann drehte er sich um und ging aus dem Haus.

Drei Wochen später war Mark wieder in New York. Er hatte genug Geld auf der Bank um die nächsten sechs Monate sorglos zu leben. Er hatte seinen Ruf als Techniker gefestigt und stand besonders für Uni Expeditionen ganz oben auf der Liste der Kommunikationstechniker.
Am Tag seiner Heimkehr fand er einen Brief im Postkasten. Einen echten Brief neben unzähligen Werbezetteln und Wurfsendungen. Der Brief roch nach Afrika. Er war mit der krakeligen Schrift einer ungeübten Hand beschrieben. Mark riß den Brief auf und fand darin einen Zettel der in engen Zeilen auf arabisch beschrieben war. Und in dem zusammengefalteten Zettel fand er einen dicken Streifen schwarzer Haare. Mark schluckte, unterdrückte die Trauer und ging später an diesem Tag zu den arabischen Kaufleuten, bei denen er immer Brot und Gemüse kaufte. Er bat die Frau, ihm diesen Brief zu übersetzen, was sie auch gerne tat.

In dem Brief stand:

Lieber Mark Beaumont,

Du hast viel Freude für mich gebracht. Du hast ein Lächeln aus einer anderen Welt gebracht und du hast dich selbst gebracht. Deine Freundschaft ist ein edles und gutes Geschenk für mich, weil du mir nicht verpflichtet bist. Mein Onkel ist mir verpflichtet, meine ganze Familie ist mir verpflichtet und die Menschen des Klans sind es auch. Deine Freundschaft kommt wie Geschenk, weil sie nicht aus Verpflichtungen geboren worden ist.
Der Tag, an dem du bei mir warst, das war der schönste Tag in meinem Leben und wäre ich gesünder und besser bei Fuß, würde ich zu dir kommen wollen. Oder ich würde dich bitten, wieder zu mir zu kommen. Du lächelst so schön, als ob du wüßtest, wie es ist, großherzig zu lieben. das Lächeln des Landes zu spüren. Dein Lächeln sagt mir, daß du ein guter Mann bist, Mark. Und Dein Kuß hat mir gezeigt, daß du weißt, wie freudig es sein kann, ein Mann zu sein.
Ich werde dir mit jedem Brief eine Strähne Deiner Haare zurückschicken. Solange ich Deine Haare hab, hab ich die Erinnerungen an dich und einen Grund zu leben. Aber Deine Haare sind Deine Haare, sie gehören nicht mir. Ich hab sie mir nur geliehen. Jetzt wirst Du sie zurückbekommen. Mit jedem Brief, den ich dir schreiben kann.

In tiefer Freundschaft und Dankbarkeit,
Karim

Bis März 2003 bekam Mark Beaumont jede Woche einen Brief von Karim und jede Woche ging er hinunter zu den arabischen Leuten im Laden, um sich den Brief übersetzen zu lassen.
Karim schrieb ihm von der Natur und von seinen Träumen, von Afrika, vom Klan und den Reisen. Von der Kälte der Nacht und der Hitze des Tages.
Mitte Mai bekam Mark ein Kuvert, dass sich anders anfühlte als die vorhergehenden Sendungen aus Afrika. Im Kuvert befand sich lediglich eine Haarsträhne aber kein Brief. Die letzte Haarsträhne war gekommen und der Schreiber der schönen Briefe, das afrikanische Lächeln war gegangen.
Mark saß da an seinem Küchentisch, hielt die Strähne zwischen Daumen und Zeigefinger und starrte stundenlang aus dem Fenster. Er hatte einen Kloß im Hals und seine Wangen waren heiß.
Mark Beaumont starrte hinauf in die klare New Yorker Nacht und die Sterne verschwammen, weil ihm die Tränen kamen.
„Bon Voyage, Reisender“, dachte er traurig und wischte sich die Augen trocken: „Gute Reise, Pilger.“